Huaraz – zwischen Ankommen, Akklimatisieren und Huayhuash
Nach Huaraz fahren wir mit dem Nachtbus von Lima. Unvorstellbar, wie bequem die Nachtbusse hier sind. Die Sitze lassen sich bis fast 160 Grad nach hinten stellen. So kann man es wirklich aushalten. Huaraz liegt auf rund 3.050 Metern Höhe am Fuße der Cordillera Blanca und gilt als eines der wichtigsten Zentren für Trekking und Bergsteigen in Peru. Schneebedeckte Gipfel, Gletscher und Lagunen liegen hier praktisch direkt vor der Haustür.
Unser erster Eindruck von Huaraz
Morgens um sechs kommen wir in Huaraz an. Wir entschließen uns, die zwei Kilometer zu unserer Unterkunft, der Casa de Zarela, zu Fuß zurückzulegen. Auf den ersten paar Metern sind wir ehrlich gesagt ein wenig geschockt. Alles sieht irgendwie schmutzig und vergammelt aus. Direkt kommt uns jemand entgegen, der geschlachtete Schweine durch die Gegend fährt. Im nächsten Moment schauen wir in eine Art Garage, dort sind gerade die Hühner kurz vor dem Schlachten dran und der Geruch ist irgendwie auch komisch. Hunde laufen überall frei herum. Mir ist es am Anfang etwas mulmig, aber ziemlich schnell merke ich, dass die Hunde alle harmlos sind und eigentlich gar nichts von uns Menschen wollen. Auch die zwei Kilometer zur Unterkunft sind plötzlich anstrengender als gedacht. Den Unterschied zwischen Lima auf Meereshöhe und Huaraz auf über 3.000 Metern merken wir direkt beim Luftholen. Jeder Schritt ist irgendwie anstrengender. In unserer Unterkunft angekommen können wir direkt frühstücken und unser Zimmer ist sogar schon frei. Wie schön. Erst einmal ein wenig Schlaf nachholen. Die Sitze im Bus waren zwar bequem, aber einen durchgängigen Schlaf haben wir trotzdem nicht gefunden.
Fünf Tage einfach mal ankommen
In Huaraz sind wir vor allem, weil wir den Huayhuash Trek machen wollen, eine mehrtägige Wanderung, die uns über mehrere Pässe bis auf über 5.000 Meter führen wird. Und hier spüren wir zum ersten Mal so richtig das Geschenk unserer langen Reise. Ganze fünf Nächte haben wir vor unserer Tour in Huaraz. Bei einem „normalen“ Urlaub wahrscheinlich kaum denkbar. Nach den aufregenden ersten Tagen in Lima ist es für uns der perfekte Ort zum Ankommen und einfach mal in den Tag hineinzuleben. Unsere Wanderung geht bis auf über 5.000 Meter hoch. Somit wollen wir zwischen Kaffee trinken und Stadt erkunden natürlich auch ein paar Akklimatisierungstouren machen. Erst einmal spazieren wir in Huaraz den Berg hinauf und haben von oben einen richtig guten Blick über die Stadt und auf die umliegenden schneebedeckten Berge. Irgendwie sieht es ein bisschen so aus, wie wir uns Kathmandu immer vorgestellt haben. Der Himmel ist blau und die Temperaturen sind angenehm warm – zumindest solange die Sonne da ist.
Die nächsten Tage stehen aber auch ganz im Zeichen der Vorbereitung. Wir brauchen noch Töpfe, ich einen Wanderstock und natürlich unsere komplette Verpflegung für den Trek. Wir haben ausgerechnet, dass wir unterwegs ungefähr 2.800 bis 3.200 Kalorien am Tag zu uns nehmen sollten. Im Mercado Central von Huaraz werden wir fündig. In dieser Markthalle gibt es gefühlt einfach alles: Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, Gewürze, Reis, Nudeln und andere Lebensmittel, Nüsse, Trockenfrüchte und Süßigkeiten, aber auch Haushaltswaren und jede Menge Dinge, bei denen wir gar nicht genau wissen, was sie eigentlich sind. Fleisch und Fisch liegen teilweise offen in den Auslagen und auch sonst ist ein Einkauf hier etwas anders als bei uns im Supermarkt. Wir kaufen jedenfalls unseren Vorrat zusammen. Ganz schön schwer, was wir da alles schleppen werden. Wie sich später herausstellt, haben wir es wie bei einer guten Party gemacht: natürlich viel zu viel gekauft. Zwischendurch schlendern wir durch die Gassen, kaufen bei den Einheimischen auf den kleinen Märkten mitten in den Straßen Obst ein, hüpfen von Café zu Café oder sitzen einfach in einer der vielen Grünanlagen und beobachten das Treiben um uns herum. Wir genießen dieses langsame Reisen gerade sehr. Abends gehen wir richtig gut essen. Entweder bei unserer Gastgeberin Zarela, die ein thailändisches Restaurant betreibt, oder irgendwo in der Stadt.
Akklimatisierung auf 4.450 Metern
Zwei größere Akklimatisierungstouren wollen wir vor dem Huayhuash Trek noch machen. Die erste geht zur Laguna Churup auf 4.450 Metern. Die Fortbewegung dorthin funktioniert erstaunlich einfach. In Huaraz gibt es verschiedene Punkte, an denen sogenannte Colectivos abfahren – kleine Vans, die einen für wenig Geld in die umliegenden Dörfer bringen. Gesagt, getan. Wir laufen zu einem dieser Punkte. Dort kommen wir allerdings gar nicht erst an, denn schon vorher hält ein Fahrer an und fragt uns nur: „Churup?“ Scheint wohl eine ziemlich gängige Tour zu sein. Eine Person sitzt bereits im Van, also steigen wir einfach ein. Nach und nach werden noch vier weitere Hiker eingesammelt und dann geht es los. Es stellt sich heraus, dass zwei Australierinnen ebenfalls den Huayhuash Trek machen und sogar am gleichen Sonntag wie wir starten werden. Im Laufe unserer acht Tage sehen wir die beiden tatsächlich immer wieder.
Die Laguna Churup ist wirklich ein Touri-Hotspot. Von Pitec geht es auf einem gut ausgebauten Weg ziemlich steil nach oben. Rund 600 Höhenmeter liegen zwischen Start und Lagune, auf den letzten Metern kommen noch einige Felsstellen dazu, an denen teilweise Stahlseile angebracht sind. Oben angekommen wartet eine tiefblaue Lagune vor einer gewaltigen Bergkulisse auf uns. Es ist schön, keine Frage. Da wir aber unsere Alpen gewohnt sind und dort auch schon viele tolle Plätze gesehen haben, haut es uns ehrlich gesagt nicht komplett vom Hocker. Für uns ist die Tour vor allem Mittel zum Zweck: Unser Körper soll sich an die Höhe gewöhnen. Auf dem Weg nach unten läuft direkt hinter mir plötzlich alles ganz schnell. Eine Französin stürzt und es sieht im ersten Moment wirklich übel aus. Zum Glück geht es glimpflich aus. Ich bin froh, als sie direkt wieder aufstehen und weitergehen kann. Auch sie erzählt uns, dass sie den Huayhuash Trek machen wird. Und tatsächlich treffen wir sie an unserem sechsten Tag dort wieder. Richtig schön – und Hut ab. Sie ist bereits Rentnerin und hat die Tage trotz eines komplett blauen Knies und Schmerzen an den Rippen durchgezogen.
Fast alleine zur Laguna Radian
Unsere zweite Akklimatisierungstour führt uns zur Laguna Radian. Im Gegensatz zur Churup ist es hier deutlich ruhiger und wir wandern größtenteils alleine ziemlich steil nach oben. Genau das gefällt uns irgendwie. Auch diese Tour bringt uns noch einmal auf fast 4.000 Meter und ist damit die perfekte letzte Vorbereitung auf das, was uns beim Huayhuash Trek erwartet. Fast noch erwähnenswerter als die Wanderung selbst ist allerdings unsere Rückfahrt. Da wir irgendwo ziemlich alleine in der Pampa stehen, fahren wir einfach mit dem ersten Auto zurück, das neben uns anhält. Der Fahrer nimmt unterwegs noch zwei weitere Passagiere mit. Unter anderem eine ältere Frau in traditioneller Kleidung, die in die Stadt fährt, um dort Blumen zu verkaufen. Genau solche Momente mögen wir. Keine Sehenswürdigkeit, kein organisierter Ausflug – einfach ein kurzer Einblick in das ganz normale Leben hier.
Wo ist die Bankkarte?
Kurz vor unserer Abfahrt zum Trek gibt es dann allerdings noch einen kleinen Schockmoment. Matzes Bankkarte ist weg. Kurz bevor er es bemerkt, hat er noch Geld am Automaten abgehoben. Schnell stellen wir fest, was wahrscheinlich passiert ist: Bei diesem Automaten kommt zuerst das Geld, dann die Quittung und ganz zum Schluss die Karte. Matze war offensichtlich schneller als der Automat und ist einfach gegangen. Es ist Samstag und wir erreichen niemanden mehr bei der Bank. Es heißt also: neun Tage warten, bis wir vom Trek wieder zurück sind. Die Karte wird über die Banking-App erst einmal temporär gesperrt und wir hoffen einfach, dass sie noch im Automaten beziehungsweise bei der Bank liegt, wenn wir zurückkommen. Ändern können wir es jetzt sowieso nicht mehr. Nun geht es erst einmal zum Huayhuash Trek.
Zum Bericht: Huayhuash Trek – 8 Tage zwischen Fluchen und Sprachlosigkeit
Zurück in Huaraz – und dringend waschen
Happy, erschöpft und wirklich duschreif kommen wir acht Tage später wieder in unserer Unterkunft, der Casa de Zarela, an. Gleiches Zimmer – und irgendwie fühlen wir uns direkt schon ein bisschen wie zu Hause. Aber bevor wir uns endgültig wieder der Zivilisation widmen können, ist da ja noch etwas: Matzes Kreditkarte. Neun Tage lang war sie temporär gesperrt und wir haben gehofft, dass sie tatsächlich bei der Bank gelandet ist. Also machen wir uns auf den Weg dorthin – und tatsächlich: Die Karte ist da! Matze macht gefühlt Luftsprünge und hätte die Bankmitarbeiterin vor Freude am liebsten direkt umarmt. Damit hätten wir diese kleine Baustelle also auch wieder erledigt.
Jetzt aber wirklich: duschen. Eine warme Dusche nach acht Tagen in der Natur fühlt sich ziemlich großartig an. Und nicht nur wir brauchen dringend eine Dusche. Unsere komplette Wäsche muss einmal gewaschen werden. Die riecht mittlerweile gefühlt bis Hintertupfingen. Also erst einmal alles ab zur Wäscherei, was acht Tage mit uns durch die Huayhuash getragen wurde. Danach sind nicht nur wir, sondern auch unsere Klamotten wieder halbwegs gesellschaftsfähig.
Drei Nächte verbringen wir noch hier, bevor unsere Reise weitergeht. Wir hüpfen wieder von Café zu Café, ich schreibe unseren Huayhuash-Bericht und wir genießen es auch, wieder ein bisschen Zivilisation um uns herum zu haben. Mittlerweile fühlen wir uns richtig wohl in Huaraz. Die anfängliche Skepsis vom ersten Morgen ist komplett verflogen. In unserer Unterkunft bekommen wir außerdem live mit, wie der französische YouTube-Star Inoxtag von einer Expedition in der Cordillera Blanca zurückkommt. Zarela erzählt uns, dass er bereits auf dem Mount Everest war und darüber einen Film gedreht hat. Natürlich schauen wir uns danach seine Dokumentation „Kaizen“ an – und was sollen wir sagen: sehr, sehr empfehlenswert.
Unseren letzten Abend in Huaraz verbringen wir noch einmal mit Cäcilia und Philipp, die wir auf dem Huayhuash Trek kennengelernt haben. Gemeinsam genießen wir ein Weltklasse-Abendessen. Mein Essen ist so gut, dass ich wirklich nicht möchte, dass mein Teller irgendwann leer ist. Besser kann man unsere Zeit hier eigentlich kaum beenden. Was für ein Unterschied zu unserem ersten Morgen in Huaraz, als wir mit unseren Rucksäcken durch die Straßen gelaufen sind und uns noch gefragt haben, wo wir hier eigentlich gelandet sind. Jetzt, einige Tage, zwei Akklimatisierungstouren und einen Huayhuash Trek später, fühlt sich die Stadt schon ein bisschen vertraut an. Wir sind bereit weiterzuziehen.
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