La Paz – über den Dächern der Stadt
Unser erster Grenzübergang in Südamerika verläuft völlig reibungslos. Mit dem Bus kommen wir an der Grenze an, Gepäck raus, Ausreisestempel für Peru und Einreisestempel für Bolivien in den Pass. Fertig. Wie lange wir genau bleiben dürfen, müssen wir noch einmal nachschauen. Wir glauben, es sind zunächst vier Wochen. Falls wir länger bleiben möchten, soll sich der Aufenthalt aber auch verlängern lassen. Im Moment gehen wir davon aus, dass uns die Zeit reicht. Mit dem Bus sind es noch etwa zwei Stunden bis La Paz. Auf der Fahrt begleiten uns die gewaltigen, schneebedeckten Berge der Cordillera Real. Einige Gipfel erreichen über 6.000 Meter und ragen links von uns in den Himmel. La Paz liegt in einem riesigen Talkessel, während sich oberhalb auf der Hochebene die Stadt El Alto ausbreitet. Je näher wir den beiden Großstädten kommen, desto dichter wird der Verkehr. Gleichzeitig sehen wir, dass es draußen ganz schön windig ist. Kein Wunder, schließlich liegen La Paz und El Alto auf ungefähr 3.500 bis über 4.000 Metern Höhe.
Endlich wieder unsere eigenen vier Wände
In La Paz haben wir zum ersten Mal auf unserer Reise eine Airbnb-Wohnung gebucht. Nach sieben Wochen in Hotels freuen wir uns riesig darauf, für sieben Tage wieder unsere „eigenen“ vier Wände zu haben. Wir haben uns bewusst für eine ganze Woche entschieden. Erst einmal in Bolivien ankommen, das bisher Erlebte sacken lassen und nicht jeden Tag unterwegs sein müssen. Vor allem freuen wir uns darauf, selbst zu kochen und morgens endlich mal wieder etwas anderes zu frühstücken. Als wir die Tür zu unserer Wohnung öffnen, fühlen wir uns sofort wohl. Wir wohnen in einem Hochhaus im Stadtteil Sopocachi, im achten Stock, und haben einen tollen Blick über einen Teil der Stadt. Und am Horizont entdecken wir direkt eines der Highlights von La Paz: eine der Seilbahnlinien. Das müssen wir uns unbedingt genauer anschauen.
Mit der Gondel quer durch La Paz
Die Idee eines Seilbahnnetzes für La Paz und El Alto entstand, um den chronisch überlasteten Straßenverkehr zwischen den beiden Städten zu entlasten. 2012 wurde das Projekt offiziell auf den Weg gebracht, 2014 eröffnete die erste Linie. Mittlerweile gibt es zehn Linien mit Gondeln in unterschiedlichen Farben, die La Paz und El Alto miteinander verbinden. Das gesamte Netz heißt Mi Teleférico und gehört zu den größten städtischen Seilbahnnetzen der Welt.
Am nächsten Tag machen wir uns mit den verschiedenen Linien vertraut. Schnell stellen wir fest, dass man mit mehreren Linien eine Art Rundtour durch die Stadt machen kann. Man steigt um, fährt weiter und landet irgendwann wieder in der Nähe seines Ausgangspunkts. Also los geht's. Wir können es kaum glauben, dass wir mitten in einer Großstadt in eine Gondel einsteigen. Normalerweise kennen wir das nur aus den Bergen, wenn es zum Wandern oder Skifahren nach oben geht. Und jetzt schweben wir plötzlich über den Straßen, Häusern und Märkten von La Paz. Wir können das Gefühl gar nicht so richtig beschreiben, aber wir feiern wirklich jede einzelne Fahrt.
Eine Stadt einmal von oben zu betrachten, eröffnet noch einmal eine völlig andere Perspektive. Wir staunen darüber, wie es überhaupt möglich war, die riesigen Stützen in dieser dicht bebauten Stadt unterzubringen. Überall stehen Häuser eng an eng und mittendrin ragen plötzlich die gewaltigen Seilbahnmasten in den Himmel. Für die Anwohner ist das wahrscheinlich nicht immer ganz so toll. Schließlich fährt plötzlich von morgens bis abends eine Gondel direkt über das eigene Haus. Die Dachterrassen sind auf jeden Fall ziemlich gut einsehbar und auf einer Strecke können wir sogar in die Schlafzimmer einiger Hochhäuser schauen. Andererseits scheint die Seilbahn für viele Menschen eine riesige Erleichterung zu sein. Früher brauchten manche Pendler im dichten Verkehr teilweise bis zu zwei Stunden für ihren Arbeitsweg. Mit der Gondel lassen sich bestimmte Strecken heute deutlich schneller und vor allem zuverlässiger zurücklegen.
Und auch die Preise sind so gestaltet, dass viele Einheimische das Verkehrsmittel nutzen können. Für eine einfache Fahrt zahlen wir auf den meisten Linien 3 Bolivianos, also ungefähr 35 bis 40 Cent. Wir steigen immer wieder um, fahren hoch nach El Alto, schweben über den Regierungssitz La Paz und schauen uns das unglaubliche Häusermeer von oben an. Mit ein paar Zwischenstopps sind wir bestimmt zwei bis drei Stunden unterwegs. Und wir feiern es jede Sekunde. Für die nächsten Tage wird die Seilbahn definitiv unser Lieblingsfortbewegungsmittel.
La Paz – Märkte, Cafés und ganz schön viel Verkehr
Ansonsten lassen wir es tatsächlich ruhig angehen. Wir bummeln durch die Stadt, besuchen den berühmten Hexenmarkt, schlendern über weitere Märkte und sitzen immer wieder in verschiedenen Cafés. Mal gibt es Kaffee, mal einen Chai Latte oder eine Chocolate caliente. Und natürlich probieren wir uns auch durch die verschiedenen süßen Leckereien. Auf dem Hexenmarkt, dem Mercado de las Brujas, werden unter anderem Kräuter, Räucherwerk und Gegenstände für traditionelle Rituale verkauft. Besonders auffällig sind die getrockneten Lama-Föten, die bei bestimmten Opfergaben an Pachamama, die Mutter Erde, verwendet werden. Für uns ist das erst einmal ein ziemlich ungewohnter Anblick.
Was uns allerdings auch schnell auffällt, ist der unglaubliche Verkehr. So viele Colectivos und Minibusse auf einem Haufen haben wir bisher noch nirgends gesehen. Die Straßen sind verstopft, überall wird gehupt und die Abgase hängen zwischen den Häusern. Wenn wir dann als Fußgänger danebenlaufen, merken wir erst einmal, wie gut unsere Luft zu Hause eigentlich ist. Wohlgemerkt befinden wir uns hier auf fast 4.000 Metern Höhe. Die Wege gehen ständig bergauf oder bergab. Das Atmen fällt einem sowieso schon schwerer und dann kommt auch noch diese Luft dazu. Mir fällt das teilweise ganz schön schwer. Und manchmal nervt es mich auch. Zum Glück können wir ja immer wieder in eine Gondel steigen und dem Verkehrschaos zumindest für eine Weile entkommen.
Cholitas Wrestling – was für eine Show!
Eine besondere Attraktion in La Paz beziehungsweise El Alto ist das sogenannte Cholitas Wrestling. Ja, genau richtig gelesen: Frauen-Wrestling. Die Cholitas sind indigene Frauen, vor allem mit Aymara-Wurzeln, die häufig die traditionelle Kleidung mit weiten Röcken, den Polleras, Schultertüchern und den typischen kleinen Hüten tragen. Lange Zeit wurden Frauen in dieser Kleidung gesellschaftlich benachteiligt und diskriminiert. Das Cholitas Wrestling entstand Anfang der 2000er-Jahre und wurde mit der Zeit auch zu einem Symbol für Selbstbewusstsein und weibliche Stärke. Die Frauen treten in ihren traditionellen Kleidern in den Ring und zeigen, dass sie sich ganz bestimmt nicht unterkriegen lassen.
Wrestling habe ich bisher nie besonders viel abgewinnen können. Allerdings kann ich mir eigentlich auch gar keine richtige Meinung darüber bilden, denn live gesehen habe ich es noch nie. In El Alto finden regelmäßig Shows statt, unter anderem donnerstags und sonntags. Mittlerweile ist das Ganze natürlich auch bei Touristen sehr beliebt. Wir wollen uns das auf keinen Fall entgehen lassen. Das Vorprogramm besteht zunächst aus Männer-Wrestling. Matze findet es von Anfang an megagut. Ich muss mich erst einmal daran gewöhnen, dass sich hier Menschen zum Spaß gegenseitig verkloppen – auch wenn natürlich vieles einstudiert ist.
Und dann geht es endlich los mit den Cholitas. In ihren traditionellen Kleidern kommen sie in den Ring und liefern eine bombastische Show ab. Insgesamt sehen wir drei verschiedene Kämpfe. Wir sitzen in der zweiten Reihe. Zum Glück! Denn die Zuschauer in der ersten Reihe werden zwischendurch doch ziemlich überrascht, wenn eine Cholita über die Ringseile fliegt und plötzlich direkt vor ihnen oder sogar auf ihnen landet. Der Höhepunkt der rund zweistündigen Veranstaltung kommt zum Schluss: Die Cholitas treten gegen zwei Männer an. Und was für eine Frage – natürlich gewinnen am Ende die Cholitas! Die ganze Halle jubelt und ruft: „Cholitas! Cholitas!“ Und irgendwann habe auch ich mich voll und ganz auf die Show eingelassen und finde es richtig klasse. Ein Erlebnis, das wir so schnell nicht vergessen werden.
Ein kleiner Ausflug ins Valle de la Luna
An einem Nachmittag machen wir noch einen kleinen Ausflug ins Valle de la Luna, das Tal des Mondes, südlich von La Paz. Dafür nutzen wir zunächst die letzte Seilbahnlinie, die wir bisher noch nicht gefahren sind, und fahren anschließend weiter ins Tal. Das Valle de la Luna ist eine ungewöhnliche Landschaft aus unzähligen schmalen Türmen, Spitzen und tiefen Rinnen. Über sehr lange Zeit haben Regen und Wind die weichen Sedimentablagerungen ausgewaschen und so diese bizarren Formen geschaffen. Die Landschaft sieht tatsächlich ein bisschen so aus, als wäre man auf einem anderen Planeten gelandet. Daher auch der Name Mondtal. Wir machen einen kleinen Spaziergang durch die Felsformationen und genießen es, für eine Weile aus dem Trubel der Großstadt herauszukommen.
Sieben Tage, die richtig guttun
Was wir uns außerdem auf keinen Fall entgehen lassen wollen, ist eine Fahrt mit dem Mountainbike über die berühmte Death Road, die gefährliche alte Straße Richtung Yungas. Aber das ist eine andere Geschichte.
Insgesamt genießen wir unsere Zeit in La Paz wirklich sehr. Nach den vielen Wochen, in denen wir fast jeden Tag unterwegs waren, tut es gut, einmal länger an einem Ort zu bleiben, selbst zu kochen und nicht ständig die Taschen packen zu müssen. Wahrscheinlich hätten wir sogar noch länger bleiben können. Aber nach sieben Tagen zieht es uns dann doch wieder weiter. Unser nächstes Ziel ist der Sajama-Nationalpark. Wieder raus aus der Großstadt und hinein in die Natur Boliviens.
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