Mit Mama Lucie (86) im Baumarkt
Die beiden weiteren Tage in Lima sind ganz entspannt. Am Sonntag kommen Melissas Bruder und seine Frau zum Mittagessen. Sie bringen auch Sebastian mit, den 16-jährigen Sohn von Ricchi und Melli, der bei ihnen wohnt und gerade für sein Studium spart und dafür unter anderem Plüschtiere verkauft. Zum Mittagessen gibt es Ají de Gallina, ein typisch peruanisches Gericht mit zerkleinertem Huhn in einer cremigen Sauce aus gelbem Ají, Brot und Milch. Dazu werden Kartoffeln, Reis, Ei und Oliven serviert. Als Nachtisch gibt es Eis aus Lúcuma, einer peruanischen Frucht mit süßlichem, leicht karamelligem Geschmack. Ebenfalls alles: Muy rico pe. Sebastian haben wir ein Dortmund-Trikot aus Deutschland mitgebracht, weil uns gezwitschert wurde, dass er Dortmund-Fan ist. Das Trikot wird direkt übergestreift. Scheint also die richtige Wahl gewesen zu sein.
Ein Nachmittag im historischen Zentrum von Lima
Nachmittags bummeln wir noch ein wenig durch das historische Zentrum von Lima. Rund um die Plaza Mayor stehen einige der wichtigsten historischen Gebäude der Stadt, darunter die Kathedrale, der Regierungspalast und das Rathaus. Besonders auffällig sind die alten Häuser mit ihren teilweise wunderschönen Holzbalkonen, die typisch für die Altstadt von Lima sind. Mitten in unserem Bummel landen wir plötzlich in einer Parade. Fast ein bisschen wie unsere Karnevalsumzüge. Musik, bunte Kleidung und jede Menge Menschen auf den Straßen. Wir wissen zwar nicht genau, was gefeiert wird, aber wir beobachten einfach eine Weile das Treiben. Danach trinken wir einen Kaffee und essen etwas an einem der vielen fahrenden Stände, die am Wegesrand stehen. Einfach ein bisschen durch Lima treiben lassen.
Zu Besuch bei Mama Lucie
Am nächsten Tag steht ein Besuch bei Mama Lucie an. Das ist die Frau, die Jochen damals vor rund 40 Jahren kennengelernt hat und durch die der Kontakt zu der Familie über all die Jahre bestehen geblieben ist. Nun will sie natürlich auch uns kennenlernen. Mittlerweile ist sie stolze 86 Jahre alt. Ich weiß nicht genau, was wir erwartet haben, aber definitiv nicht, dass uns eine Frau die Tür öffnet, der man ihre 86 Jahre nie und nimmer ansieht. Bis auf ihren Gehstock ist sie topfit und fängt direkt an zu erzählen. Da wir in ihrem Haus so gut wie keinen Empfang haben, funktioniert unsere Übersetzungs-App leider auch nicht richtig und wir verstehen nicht besonders viel. Aber irgendwie ist das auch völlig egal. Ihre Augen sind so offen und herzlich und sie strahlt so viel Wärme aus, dass auch wir sie direkt ins Herz schließen.
Nach einer Weile ist Aufbruch angesagt. Wir gehen zusammen noch zum Museum und steigen anschließend ins Auto, denn wir müssen unbedingt noch in einen Baumarkt. Für unseren Campingtrip rund um Huaraz fehlen uns nämlich noch Gaskartuschen. Und so kommt es, dass wir plötzlich mit Mama Lucie, Ricardo und Melli in einem peruanischen Baumarkt stehen und Gas kaufen. Irgendwie etwas ganz Normales. Und gleichzeitig finden wir es hier besonders schön, dass einfach alle mitkommen und uns helfen. Mit Mama Lucie (86) im Baumarkt. Auch das gehört wohl zu unserer Weltreise.
Danach ist aber noch lange nicht Schluss. Mama Lucie möchte uns unbedingt noch zum Essen einladen. Wir sollen schließlich auch die peruanisch-chinesische Küche kennenlernen – Chifa, wie sie hier genannt wird. Die chinesische Küche hat in Peru einen großen Einfluss und sich über viele Jahre mit der peruanischen Küche vermischt. Und so sitzen wir kurze Zeit später zusammen beim Essen und probieren uns auch hier wieder durch neue Geschmäcker. Wir finden es einfach schön, wie selbstverständlich wir mitgenommen werden. Zum Baumarkt, zum Essen – irgendwie einfach mitten rein ins ganz normale Leben.
Wassermelonen kaufen – mitten im Verkehr von Lima
Anschließend bringen wir Mama Lucie wieder nach Hause und machen uns auf den Weg zurück en casa. Auf dem Heimweg passiert noch etwas, worüber wir ziemlich lachen müssen. Wir stehen mal wieder mitten im Verkehr von Lima und fahren über eine große Kreuzung. Plötzlich taucht neben uns ein Wagen voller Wassermelonen auf. Ricardo hupt kurz, fährt an den Straßenrand und Melissa springt aus dem Auto. Wassermelonen kaufen. Einfach so. Mitten im Verkehr. Kurze Zeit später sitzt sie wieder mit den Wassermelonen im Auto und weiter geht's. Bei uns irgendwie unvorstellbar – hier anscheinend völlig normal. Und genau solche kleinen Situationen sind es, die uns wahrscheinlich noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Weiter geht es nach Huaraz
Zuhause packen wir unsere Sachen, denn um 22:35 Uhr geht unser Nachtbus weiter nach Huaraz. Und damit gehen unsere ersten Tage in Lima schon zu Ende. Was für ein Start in unsere Reise. Am Leben von Ricardo und seiner Familie ein paar Tage teilhaben zu dürfen, war für uns etwas ganz Besonderes. Wir wurden aufgenommen, als würden wir schon lange dazugehören, obwohl wir uns vorher noch nie gesehen hatten. Das beschert uns ein großes Lächeln auf den Lippen – und irgendwie auch im Herzen.
„Amigos de Jochen son mis amigos.“
Jetzt verstehen wir noch ein bisschen besser, was damit gemeint ist.
Kommentare
Björn
Das sieht nach einem gelungenen Start aus. Grüße nach Peru.
Richi Rivera
Leer esta historia es como volver a vivirlo. Que lindo y que alegría me da saber que se han sentido muy a gusto. Los queremos. Mi familia alemana.
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