Amazonasabenteuer – Teil 2: Piranhas, Zwergseidenäffchen und Besuch einer Community
Mit den Bildern der Boa im Kopf geht es weiter durch den Wald. Es sind aber nicht nur die tierischen Bewohner, die uns den Atem rauben, sondern auch die Bäume und Pflanzen. Die Baumkronen sind teilweise nur mit weit nach hinten gelegtem Kopf zu erkennen. Wie hoch sie wirklich sind, können wir kaum abschätzen. Die riesigen Wurzeln ragen aus der Erde und sind teilweise größer als wir. Manchmal müssen wir richtig klettern, um überhaupt darüberzukommen, und einige schlängeln sich meterweit über den Waldboden. Mehrere hundert Jahre seien manche dieser Bäume alt, erzählt uns Rey, und für die Menschen hier haben einige von ihnen eine spirituelle Bedeutung. Auf den Fotos wirken wir neben diesen Riesen plötzlich winzig. Ein bisschen fühlen wir uns wie Hobbits in „Herr der Ringe“, die irgendwo zwischen den uralten Baumriesen Mittelerdes gelandet sind. Wer die Filme gesehen hat, weiß vielleicht, was ich meine.
Was der Urwald alles hergibt
Immer wieder zeigt Rey uns Dinge, mit denen man im Urwald überleben könnte. Er schneidet zum Beispiel eine Liane an, die für uns nicht anders aussieht als die vielen anderen Pflanzen um uns herum – und plötzlich läuft eine richtige Wasserfontäne heraus. Also verdursten würden wir wohl nicht so schnell.
Dann zeigt er uns das „Amazonas-Eis“: eine Guaba, auch Ice-Cream-Bean genannt. Eine lange grüne Schote, die wir öffnen und in der weißes, weiches Fruchtfleisch die einzelnen Kerne umgibt. Das Fruchtfleisch lutscht man ab und den Kern spuckt man anschließend wieder aus. Es schmeckt köstlich und tatsächlich ein bisschen süß und cremig. Zudem zeigt uns Rey, wie man aus Palmenblättern einen einfachen Rucksack flechten könnte. Faszinierend, was der Urwald alles so hergibt.
Am Ende unseres Walks kommen wir dann doch noch einmal zu den kleinen Waldbewohnern. In einem Loch sitzt wieder eine Vogelspinne. Rey lockt sie aus ihrem Versteck und nimmt sie sogar auf die Hand. Mit einem ganz kleinen Stock demonstriert er uns anschließend, wie kräftig sie zupacken kann. Die Spinne greift danach und Rey lässt uns an dem Stöckchen ziehen. Kaum vorstellbar, wie fest sie sich daran klammert. Ein etwas unheimliches Gefühl, wenn man sich vorstellt, dass das kein Stock, sondern der eigene Finger wäre. Als Rey uns fragt, ob wir die Spinne auch einmal halten möchten, lehnen wir dankend ab.
Was für ein aufregender und lehrreicher Dschungel-Walk. Das müssen wir jetzt erst einmal bei einem Nap in der Hängematte verarbeiten.
Eine Seerose für eine Königin
Der Tag ist aber noch lange nicht zu Ende. Am späten Nachmittag fahren wir noch zu einem Seerosenteich und sehen dort die berühmte Victoria amazonica. Ihre riesigen, kreisrunden Blätter können mehrere Meter Durchmesser erreichen. Und der Name ist tatsächlich kein Zufall: Die Gattung Victoria wurde im 19. Jahrhundert zu Ehren der britischen Königin Victoria benannt. Verrückt, dass eine Pflanze mitten im Amazonasgebiet den Namen einer britischen Königin trägt.
Und auch hier werden wir wieder von einem dieser typischen Regenschauer überrascht. Innerhalb kürzester Zeit schüttet es wie aus Eimern. Ich liebe das irgendwie. Zurück im Boot sind wir komplett nass und könnten vor Freude fast anfangen zu tanzen. Regenwald eben.
Jetzt hat uns das Piranha-Fieber gepackt
Als Letztes möchten wir noch Piranhas fischen. Unser Bootsführer, der aus einer der Communities hier stammt, hat dafür ganz einfache Angeln mitgebracht: Stöcke, an denen eine Schnur mit einem kleinen Haken hängt. Als Köder kommen Fischreste dran. Dann wird das Wasser ein bisschen aufgewühlt und die Angel hineingehalten.
Nach ein paar Versuchen merke ich schon: Oh, irgendwie ist das nichts für mich. Bei Matze sieht es besser aus. Er hat schon fast den ersten Piranha an der Angel. Mir fehlt irgendwie die Geduld und ich entscheide mich erst einmal dafür, Fotos und Videos zu machen. Auch die Stelle, die wir uns ausgesucht haben, scheint nicht besonders erfolgreich zu sein. Also fahren wir mit dem Boot noch ein Stück weiter.Dort versuche ich es noch einmal. Und plötzlich spüre ich dieses Ziehen an der Schnur. Oh ja, da könnte etwas dran sein. Auf einmal bin auch ich gefesselt. Das Piranha-Fieber hat mich gepackt.
Matze hat als Erster Glück und angelt tatsächlich einen Piranha. Leider ist er ziemlich klein und so werfen wir ihn wieder zurück ins Wasser. Und dann zieht es plötzlich auch an meiner Leine ganz schön kräftig. Ich kann es kaum glauben. Ich ziehe die Schnur hoch und tatsächlich hängt ein relativ großer Piranha am Haken. Ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll – und schwupps löst er sich wieder und springt zurück ins Wasser. Rey erklärt uns, dass es ein Rotbauchpiranha war und bezeichnet ihn als einen der gefährlicheren Piranhas hier.
Jetzt hat mich das Fieber endgültig gepackt und ich angle weiter. Und zu guter Letzt schaffen Matze und ich es tatsächlich beide, einen schönen Piranha zu fangen und ihn auch ins Boot zu bekommen. Wir sind happy und dürfen die beiden Fische mit zurück in die Lodge nehmen. Dort werden sie für uns zubereitet und am Abend serviert.
Wow. Das ist irgendwie ganz schön cool: Am Nachmittag selbst gefangen und am Abend liegt unser Piranha auf dem Teller.
Matze wird zum Guide befördert
An unserem letzten Morgen sitzen wir noch einmal auf unserer Terrasse und genießen die Geräusche des Urwalds. Und dann entdeckt Matze allen Ernstes in einiger Entfernung ein Faultier, das hoch oben in einer Baumkrone hängt. Wir rufen Rey und selbst er kann kaum glauben, dass Matze das Tier entdeckt hat. Damit ist es offiziell: Matze wird zum Guide befördert. Rey meint, er sei nun bereit.
Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und hole meine Drohne, um das Faultier aus der Nähe zu betrachten. Es bleibt ruhig in seinem Baum hängen. Ob es sich von der Drohne wirklich nicht gestört fühlt, können wir natürlich nicht wissen – in dem Moment hoffen wir es einfach.
Ein Besuch in der Community
Der letzte Morgen verspricht aber noch etwas ganz Besonderes, worauf ich mich schon die ganze Zeit gefreut habe. Wir besuchen eine Community und bekommen einen kleinen Einblick, wie die Menschen hier leben.
Meine Vorfreude darauf ist allerdings auch immer mit einem etwas zwiespältigen Gefühl verbunden. Ich frage mich bei solchen Besuchen, ob wir wirklich einen Einblick bekommen oder ob wir als Touristen zu sehr in das normale Leben der Menschen eindringen. Manchmal fühlt es sich für mich ein bisschen komisch an, einfach herumzulaufen und andere Menschen in ihrem Alltag zu beobachten. Gleichzeitig sind es genau diese Begegnungen, die uns auf unserer Reise besonders interessieren.
Wir laufen etwa eineinhalb Kilometer in Richtung Community und unterhalten uns gerade mit Rey, als er plötzlich innehält. Er hat etwas gehört. Wir hätten dieses Geräusch niemals wahrgenommen. Direkt neben uns, vielleicht einen Meter entfernt, entdecken wir winzige Zwergseidenäffchen – die kleinsten Affen der Welt. Rund zehn oder fünfzehn Minuten können wir sie beobachten. Sie lassen sich von uns kaum stören und wir schauen ihnen dabei zu, wie sie am Baum sitzen und Baumsäfte aufnehmen. Wir wären einfach daran vorbeigelaufen. Ach, wie schön ist das denn?
In der Community angekommen laufen wir durch das Dorf und kommen irgendwann zu einem Haus, dessen Bewohner Rey kennt. Vor dem Haus steht ein Kokosnussbaum. Kurz zuvor habe ich noch erzählt, dass ich tatsächlich noch nie frischen Kokosnusssaft direkt aus einer Kokosnuss getrunken habe. Kurzerhand fragt Rey die Frauen, ob wir drei Kokosnüsse kaufen können. Natürlich können wir. Eine der Frauen holt eine riesenlange Stange heraus, um die Kokosnüsse vom Baum zu holen. Die erste holt sie noch selbst herunter, bei den nächsten beiden darf Matze helfen. Und so erntet Matze zum ersten Mal in seinem Leben Kokosnüsse direkt vom Baum. Wir trinken den Saft und essen anschließend auch das Fruchtfleisch. Es schmeckt so lecker.
Eine Schulstunde, die wir nicht geplant haben
In der Dorfmitte befindet sich eine Schule und wir bekommen sogar die Möglichkeit, ein wenig durch die Klassenräume zu schauen. Irgendwann kommen wir zu einem Raum, in dem nur vier Mädchen sitzen. Wir gehen hinein und fragen, wo denn ihr Lehrer sei. Sie erzählen uns, dass sie Aufgaben bekommen haben und der Lehrer gerade nicht da ist. Sie lernen Englisch. Die Mädels freuen sich richtig, dass wir da sind und gemeinsam schreiben wir alle unsere Namen an die Tafel. Es ist richtig schön, ihre Begeisterung zu sehen. Wir machen noch ein paar Selfies und verabschieden uns wieder. Als wir später noch einmal an der Schule vorbeikommen, sehen wir die Mädchen erneut. Sie fragen sogar nach meiner Handynummer, damit wir die Bilder austauschen können. Das freut mich irgendwie richtig.
Ich setze mich noch ein bisschen hin und schaue dem Treiben im Dorf zu. Plötzlich kommt ein kleiner Junge zu mir und bringt mir eine Wassermelone.
Was für eine schöne Geste. Und irgendwie ist genau das ein schöner Abschluss unseres Besuchs in der Community.
Zum ersten Mal wirklich auf dem Amazonas
Nun ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen von unserem viertägigen Dschungel-Abenteuer. Wir gehen zurück zur Lodge, holen unsere Sachen und werden mit dem Boot wieder in Richtung Nauta gebracht.Diesmal können wir allerdings wegen eines Streiks nicht wie geplant in Nauta anlegen. Und genau das beschert uns zum Abschluss noch einmal ein unerwartetes Erlebnis: Unsere Route führt uns weiter über den Marañón bis zu seinem Zusammenfluss mit dem Ucayali. Und genau hier entsteht der Fluss, der ab diesem Punkt Río Amazonas heißt.
Nach vier Tagen auf Nebenarmen, Flüssen und mitten im Regenwald sind wir nun tatsächlich auf dem großen Amazonas unterwegs. Irgendwie ein ziemlich passender Abschluss für unser Abenteuer. Vier Tage voller Regenwald, Tiere, Flüsse, Geräusche und Begegnungen liegen hinter uns. So viele Eindrücke, dass wir sie wahrscheinlich selbst erst einmal sortieren müssen.
Wir sind gespannt, welche dieser Erinnerungen am Ende für immer bleiben werden.
Kommentare
Karin
Liebe Silke,
habe wieder eine tolle Reise durch deine Erzählungen miterleben können.
Vielen Dank.
Freue mich schon auf eur nächstes Abenteuer.
Liebe Grüße
Karin
Silke Leps
:-) das freut uns.
Ulrike
So tolle, erlebnisreiche, unfassbar schöne Ereignisse. Weiterhin eine gute Reise und liebe Grüße Ulrike
Silke Leps
Danke, dass du uns auch verfolgst.
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